Am Sonntag, den 30. Oktober 2011 wird an die Stiftung ZURÜCKGEBEN der Preis des Humanistischen Verbandes Berlin und der Humanismus Stiftung Berlin verliehen. Die feierliche Verleihung des Ossip-K.-Flechtheim-Preises findet um 11 Uhr im RAMADA-Hotel Berlin-Alexanderplatz (Karl-Liebknecht-Str. 32) statt. 

Der Preis trägt den Namen des Politologen und Zukunftsforschers Prof. Ossip K. Flechtheim, der als Theoretiker eines modernen Humanismus und langjähriges Mitglied des Humanistischen Verbandes bekannt wurde.

"Die Jury des Ossip-K.-Flechtheim-Preises beschloss einstimmig, den Preis des Humanistischen Verbandes Berlin und der Humanismus Stiftung Berlin an die Stiftung ZURÜCKGEBEN zu vergeben. Die Arbeit der Stiftung ZURÜCKGEBEN zeige beispielhaft, 'wie man mit der Vergangenheit verantwortungsvoll umgehen kann und wie sich die Frage von Schuld und Verantwortung positiv und produktiv in die Zukunft wenden lässt', begründete die Jury ihre Entscheidung." (Aus der Pressemittelung des Humanistischen Verbandes Berlin und der Humanismus Stiftung Berlin)

 

Dankesrede von Alina Gromova

Sehr geehrte Mitglieder des Humanistischen Verbandes und der Humanismus Stiftung,liebe Kolleginnen, liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst einmal bedanke ich mich bei Ihnen, Herr Kunz, und bei Ihnen, Frau Rosh für Ihre rührenden Worte.

Im Namen des Vorstandes der Stiftung Zurückgeben danke ich herzlich dem Humanistischen Verband und bei der Humanismus Stiftung für die große Ehre, die der Stiftung Zurückgeben durch die Verleihung des Ossip-Kurt-Flechtheim-Preises in diesem Jahr zugeteilt wurde. Seit der Gründung unserer Stiftung 1994 ist es das erste Mal, dass wir einen solchen Preis erhalten haben. Wir, Stiftungsmitglieder und Freunde der Stiftung Zurückgeben, fühlen uns durch diese Entscheidung überaus geehrt und sehen darin die Anerkennung langjähriger Arbeit, die die Stiftungsgründerinnen sowie mehrere Generationen von Vorstandsfrauen, Beirätinnen und Jurymitglieder geleistet haben.

Wir, jüdische und nichtjüdische Frauen aus dem Umfeld der Stiftung Zurückgeben, haben uns zur Aufgabe gemacht, die Projekte der heute in Deutschland lebenden jüdischen Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen zu fördern, um dadurch das jüdische Leben hierzulande sichtbarer und greifbarer zu machen. Heute, mehr als 60 Jahre nach der Zerstörung jüdischer Existenzen durch die Nationalsozialisten, ist das jüdische Leben in Deutschland, zumindest für die Vertreter meiner Generation wieder zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dazu gehört selbstverständlich, wie auch früher, dass sich Juden in ihrer beruflichen Tätigkeit nicht ausschließlich mit jüdischen Themen beschäftigen. Diese Freiheit, sich das Projektthema beliebig auszusuchen, unterstützt die Stiftung Zurückgeben, indem sie Frauen jüdischer Herkunft bzw. jüdischen Glaubens fördert, und zwar unabhängig von der Thematik ihrer Arbeiten oder von ihrem beruflichen Vorhaben.

Was allerdings in den vielen Jahren unserer Förderpraxis deutlich geworden ist, ist die Tatsache, dass die meisten Frauen, die sich an die Stiftung Zurückgeben wegen einer Förderung wenden, sich in der Tat mit Projekten zur jüdischen Thematik beschäftigen. Für uns spricht diese Beobachtung dafür, dass die heute in Deutschland lebenden Jüdinnen einen starken Bedarf an Identitätsarbeit haben. Sie leisten diese Arbeit, indem sie sich durch ihre Projekte in ihrem Jüdischsein immer wieder neu- und umorientieren. Viele Frauen berichten, dass sie es als schwierig empfinden, für ihre Projekte zu jüdischen Themen eine finanzielle Unterstützung zu finden – eine Ausnahme bilden hier Projekte, die mit dem Thema des Holocausts und dessen Folgen in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen. Dabei ist die Zahl der Bewerberinnen seit der Gründung der Stiftung Zurückgeben kontinuierlich gestiegen: In den letzten beiden Jahren sind bei uns jeweils zwischen 50 und 60 Bewerbungen eingegangen. Leider erlaubt es unserer finanzielles Budget bei weitem nicht alle dieser Bewerbungen zu berücksichtigen, die es verdienen würden. Insgesamt wurden bisher ca. 90 Projekte gefördert: Das zeigt, dass die Stiftung Zurückgeben mit der Förderung jüdischer Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen einen Beitrag leistet, ohne dass wir den bestehenden Bedarf decken können. Unserer Beitrag als Stiftung liegt also darin, einerseits mit der finanziellen Förderung jüdische Themen an sich als wichtig anzuerkennen, anderseits aber die Frauen zu ermutigen, an Themen zu arbeiten, die sie für sich selbst ausgesucht haben und als wichtig erachten. Das hat nicht nur mit Menschenwürde und persönlichen Freiheit zu tun, sondern auch mit der Tatsache, dass sich eine Gesellschaft erst dann demokratisch nennen darf, wenn sich Minderheiten in ihr frei entfalten können.  

Wer sind unsere Stipendiatinnen? Ich möchte an dieser Stelle mit einigen Beispielen ihnen ein Gesicht geben. Wie bereits erwähnt, erhielten zwischen 1994 und 2011 beinahe neunzig jüdische Frauen für ihre künstlerischen oder wissenschaftlichen Projekte eine Förderung der Stiftung Zurückgeben in unterschiedlicher Höhe von jeweils zwischen 700 und 11.000 Euro. Unter ihnen sind Malerinnen und Fotografinnen, Schriftstellerinnen und  Illustratorinnen, Sängerinnen und Musikerinnen, Tänzerinnen sowie  Schauspielerinnen. Unter den Wissenschaftlerinnen sind mehrere Disziplinen vertreten: Literatur, Musik, Geschichte, Soziologie und Anthropologie, Philosophie und Religion. Zu den geförderten Frauen gehört sogar eine Ökonomin Andrea Dunai mit ihrer Untersuchung über „Die Entschädigung der überlebenden ungarischen Juden zwischen 1945 und 1990“ sowie eine Homöopathin Ruth Luschnat. Bei ihr förderte die Stiftung ihre Ausbildung in „sozialer Assistenz für die Behandlung psychiatrisch Erkrankter unter Anwendung homöopathischer Therapieformen“. Das ist das Alleinstellungsmerkmal unserer Stiftung, dass wir nicht nur den Erwerb des Doktortitels bei den Wissenschaftlerinnen fördern, sondern auch andere Ausbildungen und fachliche Weiterbildungen als Projekte ansehen und mitfinanzieren, darunter auch eine Ausbildung zur Profitänzerin und in einem anderen Fall die Ausbildung zur Dirigentin.

Mit Blick auf das nächste Jahr freuen wir uns besonders. Unter anderem dank des Ossip-Flechtheim-Preises haben wir die Möglichkeit, im kommenden Jahr unsere Gesamtfördersumme von 20 auf 25 Tausend Euro zu erhöhen. Da das Stiftungsvermögen sehr klein ist und die Zinsen gegenwärtig sehr gering sind, ist die Stiftung stark auf Spenden angewiesen. Ein Preis in Höhe von 2.500 Euro ermöglicht es uns, ein oder mehrere zusätzliche Projekte fördern. Wie könnte das Projekt aussehen, das mit den Preisgeldern gefördert wird? Hier zwei Beispiele aus unserer Förderpraxis:

Im Jahr 2011 haben wir insgesamt sechs Frauen unterstützt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Projekt von Shlomit Baris Tulgan: Gründung eines mobilen jüdischen Puppentheaters. Damit verfolgt Shlomit das Ziel, ein unterhaltsames und gleichzeitig didaktisch wertvolles Programm für jüdische sowie nichtjüdische Kinder anzubieten, dass von  verschiedenen Kinder- und Jugendeinrichtungen beauftragt werden kann. Bei jüdischen Kindern soll das Theater identitätsstärkend wirken, bei nichtjüdischen geht es darum, Kinder für jüdische Themen zu sensibilisieren und Erfahrungen mit anderen Kulturen in einem sehr frühen Alter zu ermöglichen.
Ein anderes Beispiel, dieses Mal aus der Wissenschaft, ist die im Jahr 2010 geförderte Dissertation von Edna Herlinger zum Thema „‚Baalei Teshuva‘. Religiöse Identitätsbildung und Selbstverständnisse junger russischsprachiger Juden in Deutschland“. Darin verfolgt Edna Biografien der jungen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die hauptsächlich in säkularen Familien aufwuchsen, in Deutschland aber sich der jüdisch-orthodoxen bzw. ultra-orthodoxen Gemeinschaft anschlossen.

Wenn wir in der Stiftung uns für solche Projekte begeistern, möchten wir vor allem eins erreichen: Wir wollen eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlagen. Über den historischen Hintergrund der Stiftungsgründung hat Lea Rosh bereits ausführlich gesprochen. Der ursprüngliche Gedanke, der dem Stiftungsnamen „Zurückgeben“ grundlegend ist, bezieht sich auf das Wissen um die Entrechtung, Verfolgung und Vernichtung der Juden durch das nationalsozialistische Regime. Es sind vor allem Juden, die seit Generationen in Deutschland gelebt haben und sich als Deutsche jüdischen Glaubens bezeichneten. Allerdings müssen wir uns fragen, wer sind diejenigen Juden, die heute in Deutschland leben? Welchen biografischen Hintergrund haben die jüdischen Frauen, die bei der Stiftung Zurückgeben heute ihre Anträge für die Förderung einreichen? Die große Mehrheit der Juden, die heute hierzulande leben, kommt aus der ehemaligen Sowjetunion – 80 bis 90 Prozent der Juden, die heute in Deutschland leben, sprechen Russisch. Dass die Zahl der Juden in Deutschland heute über zweihundert Tausend zählt ist dieser großen Migrationswelle der russischsprachigen Juden zu verdanken, die Ende  der 1980er – Anfang der 1990er Jahre ansetzte. Für die ex-sowjetischen Juden ist Deutschland heute neben Israel und den USA zum drittwichtigsten Immigrationsland geworden. Die Einwanderer kommen zum großen Teil aus der Ukraine, gefolgt von Russland, den Baltikumländern und einige aus dem Kaukasus. Sie haben Deutschland als ihr neues Zuhause ausgesucht, weil sie die stabile demokratische und wirtschaftliche Situation hier im Land schätzen und weil die Entfernung zu ihren Heimatländern, an die viele noch enge Bindungen pflegen, vergleichsweise klein ist. Die meisten Einwanderer haben akademische Abschlüsse und waren zuhause als Naturwissenschaftler, Ingenieuren, Ärzte oder Informatiker tätig. Aber auch viele Künstler unter ihnen sorgen heute für eine kreative und lebendige jüdisch-kulturelle Szene, die sich in Deutschland an Juden und Nichtjuden richtet. Weil in der Sowjetunion jegliche religiösen Aspirationen siebzig Jahre lang verboten blieben, haben die meisten Einwanderer vor allem kulturelle und soziale Formen des Jüdischseins an ihre Kinder und Enkelkinder weitergegeben. Eine spezifische Art von Humor, aber auch Volkstraditionen und Familiengeschichten prägen ihre Jüdischkeit. Einige von ihnen entdecken in Deutschland auch ihre religiösen Wurzeln.

Man fragt sich zurecht, was wollen wir diesen Menschen zurückgeben? Ein großer Teil von ihnen hat nicht unter der nationalsozialistischen Verfolgung gelitten, sondern würde Stalin als ihren persönlichen Alptraum bezeichnen. In der ehemaligen Sowjetunion wurde ihnen die Ausübung ihrer Religion und das Sprechen ihrer Sprache verboten. Wenn wir heute über die Juden in Deutschland sprechen, müssen wir uns über die  Biografien dieser Menschen bewusst werden. Vor diesem Hintergrund muss der Gedanke des „Zurückgebens“ daher um weitere Aspekte neben der nationalsozialistischen Verfolgung erweitert werden. Durch ihre finanzielle Unterstützung versucht die Stiftung diesen Menschen symbolisch zu ermöglichen, sich in Musik- und Filmprojekten mit ihrer jüdischen Identität auseinander zu setzen, in der Beschäftigung mit religiösen Themen dem Glauben ihres Volkes (wieder-)anzunähern – all das, was ihnen in den 70 Jahren der Sowjetherrschaft verboten wurde. Nicht zuletzt bezieht sich die Bedeutung des „Zurückgebens“ auf die restriktive und diskriminierende Politik des heutigen deutschen Staates den Einwanderern gegenüber – ihre Bildungsabschlüsse werden in Deutschland nicht anerkannt, so dass die meisten von der älteren Generation auf die staatlichen Transferleistungen angewiesen sind; auch verlieren die Einwanderer in Deutschland ihre Rentenansprüche, so dass die meisten von ihnen im Alter lediglich von einer Grundsicherung leben müssen. Darüber wird leider viel zu selten gesprochen, so dass die relative Armut dieser Menschen vielen nicht bewusst ist.

Nicht zuletzt müssen wir uns fragen, welche Bedeutung das Zurückgeben bezogen auf eine andere wachsende Gruppe der in Deutschland lebenden Juden hat – nämlich auf die Israelis. Allein in Berlin, schätzt man, leben heute mehrere Tausend Israelis. Viele, aber nicht alle von ihnen sind Nachkommen deutscher Juden, die gezwungen waren, aus dem Hitler-Deutschland nach Palästina zu fliehen. Israelische Frauen, die sich bei der Stiftung Zurückgeben bewerben, möchten in ihren Projekten nicht selten auch eine identitätsstiftende Erfahrung verarbeiten, in dem sie über Nahostkonflikt in Theaterstücken oder Romanen berichten. Auch in diesem Fall erhält das „Zurückgeben“ einen besonderen Aspekt: die Möglichkeit, in einer friedlichen Gesellschaft zu leben, in Europa zu leben, wo sie sich mit ihren Projekten international leichter als in Israel vernetzen können.

Es bleibt nur noch die  Zukunft. Unmöglich, darüber kein Wort zu verlieren, gerade im Zusammenhang mit Ossip Flechtheim, der als Begründer der Futurologie gilt. Es ist wahr, wir können aus den Projektthemen, die wir von unseren Bewerberinnen vorgelegt bekommen, keine Tendenzen für die Zukunft ableiten. Auch Flechtheim war der Meinung, dass allgemeine Tendenzen, die wir heute beobachten können, zwar für die Zukunft mitverantwortlich sind, aber keine existenziellen Bestandteile der Zukunftsforschung darstellen. Das hat uns deutlich die Vergangenheit gezeigt: Obwohl Juden seit dem 19. Jahrhundert in die deutsche Gesellschaft fest integriert und akkulturiert waren, wurden sie letztendlich als ein „volksfremdes Element“ dämonisiert. Der Beitrag, den die Stiftung Zurückgeben in Hinsicht auf die Zukunft der Juden in Deutschland leisten möchte ist, nicht nur Projekte einzelner Frauen zu fördern, sondern auch versuchen eine Vernetzungsplattform unter den Frauen zu schaffen. Wir hoffen, dass sich in Deutschland wieder eine jüdische Öffentlichkeit entwickelt und dass das jüdische Leben nicht nur in Form von Ausstellungen und Denkmälern – so sehr diese auch notwendig sind – repräsentiert bleibt, sondern zu einer selbstverständlichen Normalität und Realität wird.

Der Ossip-Flechtheim-Preis stärkt sowohl diese Hoffnung als auch unsere Handlungsmöglichkeiten sehr. Auch dafür möchte ich dem Humanistischen Verband Deutschland und der Humanismus Stiftung danken!

 

 

Impressionen