Hilde Schramm, Redebeitrag 15.2.09 (Ausschnitt)

Die Stiftung als Provokation

Die Stiftung Zurückgeben verfolgt zwei miteinander verbundene Ziele. Sie möchten zum Einen möglichst viele jüdische Frauen fördern und sie möchte zum Anderen möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zum Zurückgeben motivieren. Ich berichte im Folgenden über unsere Erfahrungen mit der zweiten Zielsetzung.

Als wir die Stiftung gründeten, waren wir überzeugt, dass ihre Idee greifen würde. Aber der große Zuspruch blieb aus. Das Stiftungskapital ist wenig gewachsen, es liegt immer noch unter 200.000 €. Die tröpfelnden Spenden, verbunden mit den geringen Kapitalerträgen, erlaubten es uns mal eben, in den letzten Jahren jeweils um die 20.000 € zu vergeben. Zurückblickend kann ich nur über unsere Naivität staunen. Welche Widerstände hatten wir unterschätzt? Hierzu einige Überlegungen:

Schon der Name der Stiftung ZURÜCKGEBEN formuliert einen provokanten, gesellschaftlich nicht eingelösten Anspruch. Er benennt eine Norm des zivilisierten Zusammenlebens, die für die Opfer des Nationalsozialismus faktisch außer Kraft gesetzt wurde. Die Menschen in beiden Teilen Deutschlands wollten mehrheitlich zu keiner Zeit alles, was den Juden Europas vom NS-Staat unter Beteiligung der sogenannten Volksgemeinschaft geraubt wurde, den jüdischen Eigentümern zurückgeben oder jüdischen Fonds zur Verfügung stellen. Das hat sich trotz vieler Fortschritte in der Bearbeitung der NS-Vergangenheit bis heute nicht geändert. Die Gesellschaft verstößt hiermit gegen die Norm, unrechtmäßig Angeeignetes wieder herzugeben oder in anderer Weise einen Ausgleich zu suchen; eine Norm, auf deren Einhaltung untereinander die Bürger ansonsten aus Eigeninteresse, notfalls mit Hilfe der Justiz dringen.

Die Provokation der Stiftung ZURÜCKGEBEN ist nun, dass sie allein schon durch ihren Namen an diese Normverletzung erinnert. Ihr Dilemma ist, dass die Stiftung selbst diese Norm nur ganz unzulänglich erfüllen kann. Mit welcher Geste, mit welcher Summe auch immer sich jemand an der Stiftung beteiligt, es bleibt allemal ungenügend. Das gilt auch für die Gründerinnen.

Wir erleben immer wieder, dass die Idee der Stiftung Zustimmung und Anerkennung findet, auch emotionale Bewegung auslöst, und dennoch weitgehend folgenlos bleibt. Diese Diskrepanz lässt uns fragen, ob unsere Stiftung nicht ungewollt eine Entlastungs- und Alibifunktion hat und von den Unterlassungen ablenkt. Die Beraubung der Juden, von der prinzipiell die ganze "Volksgemeinschaft" profitierte, ist offenbar mit dem Selbstbild der bürgerlichen Gesellschaft, ihrer proklamierten Wohlanständigkeit noch schwerer vereinbar als andere Verbrechen, die auf einzelne oder definierbare Gruppen abgewälzt oder auf den Krieg als Ausnahmezustand geschoben werden können. In den meisten Familien wurde und wird nicht darüber gesprochen, weil die Nachkommen, indem sie ihr Erbe annehmen, bis heute aus der Beraubung Nutzen ziehen. Sich als Nachgeborener oder als Erbin in die Reihe der Nutznießer zu stellen, bedroht das Selbstbild der Integrität. Entsprechend ist Abwehr die überwiegende Reaktion.

Die Stiftung spricht angesichts der genannten Schwierigkeiten und Ambivalenzen von symbolischem Zurückgeben. Sie weiß um die Nicht-Einlösbarkeit des eigenen Anspruches. Sie weiß, dass es kein Freikaufen geben kann. Sie weiß, dass auf dem Hintergrund der Geschichte eine Beteiligung an der Stiftung nur eine bescheidene Geste sein kann.

Die Stiftung will mithin etwas Unmögliches und zugleich Selbstverständliches. Das ist ihre Provokation und zugleich ihr Dilemma.

Impressionen